Entstehung und Entwicklung

Die Mitte des 19. Jahrhunderts brachte für die Stadt Geislingen den Beginn einer neuen geschichtlichen Epoche. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie über die Geislinger Steige im Jahre 1850 und die damit einsetzende Industrialisierung bedeuteten für das Landstädtchen eine völlige Umwälzung. Der industrielle Aufschwung dieser Zeit führte zu Neugründungen von Fabriken und Gewerbebetrieben, und damit setzte schlagartig ein steiler Anstieg der Bevölkerungszahlen ein. Dies führte sehr rasch zu einer Beengung der Wohnverhältnisse und bedeutete eine allgemeine Wohnungsknappheit. Die Folgen der Wohnungsnot zeigten sich zunächst in einem starken Ansteigen der Mietpreise, was sich besonders auf die Arbeiterfamilien nachteilig auswirkte.

 

Richtungsweisend auf dem Gebiete des sozialen Wohnungsbaues war zunächst die Industrie. Aber auch auf gemeinnütziger Basis wurden erhebliche Anstrengungen zur Linderung der Wohnungsnot gemacht. So fanden sich auch in Geislingen unter dem Druck der herrschenden Wohnungsnot, die vor allem die kinderreichen Familien hart traf, sozial denkende Männer zusammen, um über die Gründung einer Baugenossenschaft zu beraten. Es war Ziel des genossenschaftlichen Gedankens, die unzulänglichen Wohnungsverhältnisse der wirtschaftlich schwachen Volksschichten durch genossenschaftlichen Zusammenschluss zu beheben.

 

Für die Verwirklichung dieses Gedankens setzte sich Kontrolleur Leonhard Müller mit besonderem Eifer und großer Tatkraft ein. Nachdem es ihm gelungen war, mehrere gleichgesinnte Männer zu finden, konnte an die Einberufung der Gründungsversammlung einer Baugenossenschaft gedacht werden. Die Gründungsversammlung fand am Sonntag, dem 20. Oktober 1895, in Geislingen im Gashaus zum „Grünen Baum“, Lammgasse 5, statt. Über diese Versammlung berichtet die „Geislinger Zeitung“:

 

„In der am letzten Sonntag stattgefundenen Mieterversammlung wurde die Gründung eines Bau- und Sparvereins, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung, beschlossen. Die zur Verlesung gebrachten Statuten des Bau- und Sparvereins Esslingen fanden im Ganzen Zustimmung, und die Abänderung der einzelnen Paragraphen, welche den hiesigen Verhältnissen angepasst werden müssen, wird das hierzu gewählte Komitee vornehmen, um dieselben der demnächst stattfindenden Generalversammlung zur Genehmigung vorzulegen. Der Bau- und Sparverein bezweckt, seinen Mitgliedern gesunde, praktisch eingerichtete Wohnungen zu möglichst billigem Mietzins zu verschaffen. Die hierzu nötigen Mittel werden durch regelmäßige Beiträge, ebenso durch Spareinlagen, welche voraussichtlich einen höheren Zinsertrag abwerfen als in den meisten öffentlichen Sparkassen, aufgebracht. Trotzdem sich schon gegen 150 Mitglieder angemeldet haben, wäre es wünschenswert, wenn sich die Zahl mindestens verdoppelte. Es könnte damit dann mit dem Bauen von Wohnhäusern evtl. schon nächstes Frühjahr begonnen werden. Die Förderung des Vereins mit Rat und Tat durch wohlgesinnte Männer, wie dies in Esslingen der Fall ist, wird auch dem neugegründeten Verein nicht fehlen. Hoffen und wünschen wir, dass der Geislinger Bau- und Sparverein, trotz aller Gegnerschaft, wachse, blühe und gedeihe.“

 

Damit war der Geislinger Bau- und Sparverein ins Leben gerufen. Schon am folgenden Sonntag, dem 27. Oktober 1895, fand im Gasthaus zum „Grünen Baum“ die erste ordentliche Generalversammlung des Vereins statt, zu der alle Mieter von Geislingen und Altenstadt eingeladen waren. Zweck der Versammlung war die Beratung der Statuten sowie die Wahl des Vorstands und Aufsichtsrats.

Die Statuten folgten dem Muster der Satzung des Bau- und Sparvereins Esslingen, deren Wortlaut mit wenigen Änderungen übernommen wurde. Danach war der Bau- und Sparverein eine eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. In § 2 der Satzung wurde bestimmt:

„Zweck der Genossenschaft ist, gesunde Wohnungen, vorzüglich für die Arbeiterklasse, Kleinhandwerker und niederen Beamten, möglichst billig und solid zu erbauen oder Gebäude zu erwerben, um sie an Mitglieder unter Ausschluß des Wuchers zu vermieten.“

 

Die Eintragung in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht Geislingen geschah am 30. Dezember 1895. Damit erwarb das Unternehmen die Rechtsfähigkeit.

Bereits im Frühjahr 1896 gelang es, einen Acker im Seebachgebiet zu kaufen. In diesem Baugebiet erweiterte sich in den folgenden Jahren der Grundbesitz des Vereins durch Kauf, Tausch und Schenkung beträchtlich.

1897 wurde das erste Gebäude mit 8 Wohnungen in der Heidenheimer Straße fertiggestellt.

 

Bis zu Beginn des ersten Weltkrieges waren 17 Gebäude mit zusammen 96 Wohnungen entstanden. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges betrug der Bestand insgesamt 28 Gebäude mit 170 Wohnungen.

 

Seit Ende des 2. Weltkrieges hat die Genossenschaft den Wohnungsbestand deutlich gesteigert. Heute beträgt der eigene Wohnungsbestand 537 Wohneinheiten.